Einblicke

«Beim Massieren brauche ich meine Augen nicht.»

Portrait

Gabriele Schröder

Gabriele Schröder war Service-Mitarbeiterin bei den SBB, als sie mit der sich verschlimmernden Makuladegeneration plötzlich ihre Arbeit nicht mehr ausüben konnte. Die Folge: Ein Jahr Ausbildung und Training in Basel bei der SIBU, drei Jahre Massageschule und heute eine Praktikumsstelle beim Fussballklub Grasshoppers als Medizinische Masseurin. Lernen, mit ihrer Sehbehinderung umzugehen, sich beruflich komplett neu orientieren und seelisch verdauen, was sie in dieser Zeit alles erlebte – das hat die Masseurin geprägt. Doch nach dem Motto «Was mich nicht umbringt, macht mich stark» steht Gabriele jeden Morgen frisch auf und stellt sich einem neuen Tag.

Gabriele Schröder befragte als Servicemitarbeiterin die Passagiere nach ihrem Reiseweg. Die Antworten gab sie auf ihrem mobilen Gerät ein, damit später die richtigen statistischen Angaben zur Verfügung stehen. Sie liebte den Kontakt mit den Menschen und die Vielseitigkeit ihrer Arbeit. Doch mit dem zunehmenden Verlust des zentralen Sehens, der mit jeder Makuladegeneration einhergeht, war es ein Kraftakt, diesen Job weiterhin auszuüben. Dennoch zögerte sie das Ende so lange hinaus, wie es noch irgendwie ging.

Burnout und Neuorientierung

Das Kompensieren der Sehbehinderung und das Ringen mit der unaufhaltsamen Verschlechterung der Sehkraft zehrten letztlich so stark an ihr, dass ein Burnout sie bremste und zum Innehalten zwang. Sie ging über die Bücher, wie es in ihrem (Berufs)Leben weitergehen soll. Im 2013 erhielt sie von den Fachleuten von der SIBU in Basel Unterstützung dabei. Die IV hatte ihr nahegelegt, dass sie sich beim beruflichen Kompetenzzentrum wieder fit machen soll.
«Frisch verheiratet, musste ich für ein Jahr nach Basel. Alles war neu. Du gehst in die Schule, wohnst in einem Blindenheim, hast plötzlich neue Kollegen um dich herum, die auch sehbehindert sind.» Dass ihr dieses Jahr des Lernens, des Kompensierens der Sehbehinderung mit neuen Strategien und Hilfsmitteln viel abverlangte, liegt auf der Hand. Die frische Ehe zerbrach.

Dass die damals 50-jährige Gabriele ob all dieser Prüfungen und Entbehrungen zwischendurch nahe des Verzweifelns war, erstaunt wenig. «Wenn ich wieder Mal an meine Grenzen stiess und die Tränen flossen, war es meistens Bea Lippuner von der SIBU, die sich professionell um mich kümmerte. Sie war mir nicht bloss Sorgentante, sondern hörte mir wirklich zu, munterte mich auf und bestärkte mich darin, dass solche Gefühle zu meinem Prozess dazugehören, und dass ich mein Ziel, dieses Lehrjahr zu überstehen, dennoch schaffen werde.»

Und geschafft hat Gabriele Schröder noch viel mehr. Früher wusste sie bloss, dass es Computer gibt, sie blieb ihnen aber fern. Heute weiss sie einen Computer mit Sprachausgabe zu bedienen. Und sie erledigt damit alles. Ist sie unterwegs, so übernehmen iPad und iPhone diese Aufgabe, mit ihrem Netzwerk in Kontakt zu bleiben und ihr jene Informationen vorzulesen, die sie braucht, um ans Ziel zu kommen.

«Ich habe gelernt, zu kommunizieren was ich brauche, damit ich meinen Job erfüllen kann.»

Des Lobes voll

Die heutige medizinische Masseurin ist des Lobes voll für die gute Betreuung in Basel und die wertvollen Kontakte, die sie hier schmieden konnte. Sie kommt nicht aus dem Schwärmen für die strenge und doch liebevolle Führung, die ihr Nicole Sacharuk von der SIBU während ihres ganzen Umschulungsweges zuteil kommen liess. Und auch die Low Vision Fachfrau, Jutta Killer oder die Lehrkraft und Mentorin, Bea Lippuner haben im Lobesreigen wie auch im Herzen der heutigen Masseurin ihren Platz.
Blumen verschickt sie ausserdem an die Swiss Prävesana Akademie, die Fachschule für Gesundheitsberufe in Zürich, wo sie ihre Ausbildung zur Medizinischen Masseurin absolvierte.

Schon im Jahr 2000 erlernte die Zürcherin diesen Beruf und wurde Berufsmasseurin. Als solche massierte sie die Nationalmannschaft der Radquerfahrer und auch Bobfahrer, Skeleton-Sportler und Wildwasserkanuten gehörten zu ihrem Kundenkreis. «Ich habe mich nie im Spital gesehen. Vielmehr wollte ich immer mit Sportlern arbeiten, das erfüllt mich». Dass sie dies nach einem Unterbruch und dem Wiedereinstieg nun für den Nachwuchs des Grasshopper Clubs wiederum tun kann und mit jungen Sportlern arbeiten, ist für sie ein Glücksfall. «Wir behandeln fast nur verletzte Sportler. Nach Operationen hat es oft zu viel Wasser im operierten Bein, da bringt eine Lymph-Drainage Abhilfe. Und dass ich mit meinen medizinischen Massagen den Genesungsprozess unterstützen kann, gibt mir ein gutes Gefühl.» Aufgrund ihres Alters nimmt sie für die jungen Sportler ausserdem eine Art Mutterrolle wahr, die sie gerne ausfüllt. Einzig, dass sie einen hereinkommenden Fussballer nicht gleich erkennt und zuerst abwarten muss, bis er sie begrüsst und sie ihn an seiner Stimmfarbe erkennt, ist für sie immer wieder eine Herausforderung. Doch darauf ist die mittlerweile 54-jährige spezialisiert: mit Herausforderungen mitzugehen und das Beste daraus zu machen.

Hintergrund

Altersbedingte und juvenile Makuladegeneration

Bei der Makuladegeneration gilt es zwischen der häufig vorkommenden altersbedingten Makuladegeneration und der juvenilen Makuladegeneration zu unterscheiden. Die juvenile Makuladegeneration kann bereits im 10. bis 20. Lebensjahr auftreten und ist der Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen mit ähnlichen Merkmalen.

Die meisten Formen der juvenilen Makuladegeneration führen zu einer schnellen progressiven Verschlechterung der zentralen Sehfähigkeit. Meist wird anfangs im Sehzentrum, d. h. in Blickrichtung, ein Fleck wahrgenommen, die Sehschärfe nimmt ab und es kann eine erhöhte Blendempfindlichkeit auftreten; ausserdem kann es zu Störungen bei der Farbwahrnehmung und teilweise auch zu peripheren Gesichtsfeldausfällen kommen.

Die häufigsten Formen der juvenilen Makuladegeneration sind:

  • Morbus Stargardt
  • Zapfen-Stäbchen-Dystrophie
  • Morbus Best
  • und zahlreiche weitere Formen

Die juvenile Makuladegeneration wird als eine genetisch bedingte Erkrankung betrachtet und man weiss heute, dass die unterschiedlichen Formen der vererbbaren Makuladegeneration auf ‹ungünstige› Veränderungen (sog. Mutationen) in verschiedenen Erbanlagen des Menschen zurückzuführen sind.

Altersbedingte Makuladegeneration (AMD)

Von der ‹altersbedingten Makuladegeneration› sind in der Schweiz mehr als eine Million Menschen betroffen. Die Bezeichnung ‹altersbedingte› oder ‹senile› Makuladegeneration kommt daher, dass die Netzhautveränderungen und die ersten Symptome in der Regel jenseits des 50. Lebensjahres auftreten und die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung mit zunehmendem Alter wächst. Bedingt durch die höhere Lebenserwartung tritt sie in heutiger Zeit vermehrt auf.

Die genauen Ursachen für die AMD sind noch nicht eindeutig geklärt. Offensichtlich spielen dabei mit dem Alter zunehmende Ablagerungen, die sich in einer Gewebsmembran unterhalb der Netzhaut im Laufe des Lebens ansammeln sowie Stoffwechselstörungen in bestimmten Netzhautschichten eine Rolle. Neuere Erkenntnisse haben ergeben, dass auch die altersbezogene Makuladegeneration vererbt werden kann.

Interview

«Die Medizinischen Masseure lernen, mit den Händen zu sehen.»

Wenn Sehbehinderte ihren Erstberuf nicht mehr ausüben können, bleiben meist zwei Wege offen: der kaufmännische Weg mit einem sehbehindertentechnisch ausgerüsteten Computer-Arbeitsplatz oder die Umschulung zu Medizinischen Masseuren. Nicole Sacharuk, selber Physiotherapeutin, betreut seit längerer Zeit die Klienten von der SIBU, die einen medizinischen Beruf wählen. Wir wollten von ihr wissen, wie ihr Arbeitsalltag aussieht.

Nicole, Du betreust die angehenden Medizinischen Masseure während ihrer Ausbildungszeit, aber auch danach. Wie interpretierst Du deine Aufgabe als Beraterin für sehbehindertentechnische Unterstützung?
Ich sehe meine Aufgabe darin, Sehbehinderte, d. h. Menschen mit einer Wahrnehmungsstörung, zu begleiten. Ausgangspunkt ist fast immer eine Grundschulung bei SIBU in Basel. Meine Aufgabe beginnt mit dem Entscheid, dass die Umschulung zum Medizinischen Masseur für den Klient, die Klientin das Richtige ist. Es macht mir Spass, die angehenden Therapeuten in das weite Berufsfeld einzuführen. Ziel ist immer, die ausgebildeten Medizinischen Masseure erfolgreich im Ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Mit diesem Schritt ist meine Aufgabe weitgehend abgeschlossen.

Hat sich der Beruf des Medizinischen Masseurs in deiner Ära gewandelt?
Wie in den meisten anderen Berufen, haben die Anforderungen an dieses Berufsfeld stark zugenommen. Nicht nur im fachlichen Bereich, sondern auch im sprachlichen. Heute sind sehr gute Deutschkenntnisse für die Prüfungen des SBFI unabdingbar. Der Beruf des Medizinischen Masseuren hat sich als eigenständiger Beruf etabliert und tritt immer mehr aus dem Schatten der Physiotherapie.

Was passiert nach der erfolgreichen Integration im Ersten Arbeitsmarkt? Bricht der Kontakt ab oder geht die Zusammenarbeit weiter?
Wir wünschen uns, dass der Kontakt weitergeht. Daher sind wir dabei, pro Jahr zwei Fortbildungen zu etablieren. Sie dienen als ‹Auffrischungstage› und gleichzeitig Vernetzungsplattform; so können sie sich mit ihren Berufskolleginnen und -kollegen austauschen. Die bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv.

Wie kannst du die angehenden Medizinischen Masseure, z. B. Gabriele Schröder, die ja zurzeit noch ihr Praktikum absolviert, gezielt unterstützen?
Die Unterstützung der einzelnen Klienten während der Ausbildungszeit ist ausgesprochen individuell. Bei Gabriele Schröder zum Beispiel sind praktische Tipps und Anregungen gefragt. Ebenfalls an der Tagesordnung sind das Vertiefen der Anamnese (Gespräch vor der Behandlung) oder auch einmal ein Besuch im Anatomischen Institut hier in Basel. Konkret unterstütze ich jede Masseurin, jeden Masseur dort, wo er mit seiner Sehbehinderung ansteht. Jemand, der nur bis zu einem Meter vor seinen Augen sieht, kann bei einer Analyse des Ganges beim Klienten schwerlich feststellen, ob der Bewegungsablauf harmonisch ist oder nicht. Hier müssen neue Wege gefunden werden, um dem betroffenen Masseuren ein einigermassen realistisches Abbild vom Bewegungsapparat des Patienten zu vermitteln. Diese Techniken muss sich jede und jeder selbst erarbeiten. Ich freue mich, wenn ich die Klienten dabei unterstützen kann.

Inwiefern ist die Sehbehinderung für sehbehinderte Medizinische Masseure sogar ein Vorteil?
In der Ausbildung zum Medizinischen Masseuren wird die Wahrnehmung mit den Händen stark geschult. Und weil jedoch blinde oder sehbehinderte Therapeuten gewohnt sind, visuell weniger abgelenkt zu sein, gelingt es ihnen besser, sich auf ihre taktile Wahrnehmung zu konzentrieren. Diese Fähigkeit ist jedoch nicht einfach vorhanden. Sie muss trainiert werden, immer wieder.

Das tönt spannend. Hände sind ja eine Art Sinnesorgan ...
Genau, die Hände also der Spürsinn (haptisch) ist ein Sinn, der in beide Richtungen funktioniert. Zu empfangen (rezeptiv), d. h. wahrzunehmen und darauf zu reagieren (reaktiv), d. h. auszusenden. Wenn die Hände zum Beispiel eine Verspannung spüren, werden sie auch die richtigen Griffe zum Lösen dieser Verspannung kennen und das Richtige tun. Ist die Masseurin, der Masseur nicht voll präsent, d. h. mit der Aufmerksamkeit bei ihren Händen und ihrer Arbeit mit dem Patienten, wird dieser das sofort bemerken. Hände lügen nicht.

Wie ist Gabriele Schröder mit diesen Themen unterwegs? Wie läuft es im Praktikum beim Grasshopper Club?
Es geht ihr ganz ausgezeichnet. Sie wollte schon immer mit Sportlern arbeiten. Bei GC findet sie das Umfeld, das ihr zusagt. Sie hat in der Ausbildung gelernt zu kommunizieren, was sie braucht, damit sie ihren Job gut erfüllen kann. So hat sie sich an ihrer Praktikumsstelle rasch den Arbeitsraum so eingerichtet, wie er für sie funktioniert. Gabriele hat eine gute Art, der Sache auf den Grund zu gehen. Der Erfolg ihrer Arbeit zeigt das sehr schön.

Fotos: Michael Fritschi